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Im 15. Jahrhundert war es üblich, zum Neujahrsfest Predigten zu halten, bei denen bestimmte Gegenstände des alltäglichen Lebens oder verschiedene Tiere gemäß den ihnen zugeschriebenen Eigenschaften an die Zuhörer als imaginäre "Geschenke" ausgeteilt wurden. Jedem Stand, wie etwa den Ehemännern und Ehefrauen, den Witwen, den Kindern, der Obrigkeit usw., wurde ein bestimmtes Tier oder ein Gegenstand "verehrt". Die Prediger bezogen sich damit auf den alten Brauch, zum Neuen Jahr den Nachbarn und Freunden kleine Geschenke zu machen. Zugleich fungierten diese Predigten als Ständeermahnungen, die oft durch überraschende Zuordnungen eine scherzhafte Note bekommen konnten. Eben wegen dieser Unernsthaftigkeit lehnte Luther diese Art von Predigten ab (vgl. in seiner Kirchenpostille von 1522: WA 10, 1, 1, S. 504; zu dem kirchlichen Brauch vgl. Fritz Bünger: Geschichte der Neujahrsfeier in der Kirche. Göttingen 1911, S. 114-126).
 
Im 15. Jahrhundert war es üblich, zum Neujahrsfest Predigten zu halten, bei denen bestimmte Gegenstände des alltäglichen Lebens oder verschiedene Tiere gemäß den ihnen zugeschriebenen Eigenschaften an die Zuhörer als imaginäre "Geschenke" ausgeteilt wurden. Jedem Stand, wie etwa den Ehemännern und Ehefrauen, den Witwen, den Kindern, der Obrigkeit usw., wurde ein bestimmtes Tier oder ein Gegenstand "verehrt". Die Prediger bezogen sich damit auf den alten Brauch, zum Neuen Jahr den Nachbarn und Freunden kleine Geschenke zu machen. Zugleich fungierten diese Predigten als Ständeermahnungen, die oft durch überraschende Zuordnungen eine scherzhafte Note bekommen konnten. Eben wegen dieser Unernsthaftigkeit lehnte Luther diese Art von Predigten ab (vgl. in seiner Kirchenpostille von 1522: WA 10, 1, 1, S. 504; zu dem kirchlichen Brauch vgl. Fritz Bünger: Geschichte der Neujahrsfeier in der Kirche. Göttingen 1911, S. 114-126).
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In der altgläubigen Kirche blieb diese Praxis vermutlich erhalten, wie man aus einem flämischen Predigtkonzept von 1545 ersehen kann (vgl. Willy L. Braekman: Nieuwjaarspreek met uitdeling van symbolische geschenken (1545). In: Ons Geestelijk Erf, 73 (1999), S. 198-207.) Gedruckt wurden solche Predigten aber offenbar nicht. Nach dem Tod Luthers gab es einige protestantische Prediger, die von diesem alten Brauch berichten und ihn dabei nicht vollständig ablehnen (z. B. Johannes Mathesius und Johannes Gigas). Seit den 70er Jahren des 16. Jahrhunderts liegen dann lutherische gedruckte Predigten vor, die diese Art von Neujahrsausteilungen wieder praktizieren. (Zur Wiederaufnahme des alten Brauch bei den Lutheranern vgl. Walter Behrendt: Lehr-, Nähr- und Wehrstand. Berlin 2009 (Internetpublikation, Link s. u. unter "Literatur"), S. 242 - 266)
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In der altgläubigen Kirche blieb diese Praxis vermutlich erhalten, wie man aus einem flämischen Predigtkonzept von 1545 ersehen kann (vgl. Willy L. Braekman: Nieuwjaarspreek met uitdeling van symbolische geschenken (1545). In: Ons Geestelijk Erf, 73 (1999), S. 198-207). Gedruckt wurden solche Predigten aber offenbar nicht. Nach dem Tod Luthers gab es einige protestantische Prediger, die von diesem alten Brauch berichten und ihn dabei nicht vollständig ablehnen (z. B. Johannes Mathesius und Johannes Gigas). Seit den 70er Jahren des 16. Jahrhunderts liegen dann lutherische gedruckte Predigten vor, die diese Art von Neujahrsausteilungen wieder praktizieren. (Zur Wiederaufnahme des alten Brauch bei den Lutheranern vgl. Walter Behrendt: Lehr-, Nähr- und Wehrstand. Berlin 2009 (Internetpublikation, Link s. u. unter "Literatur"), S. 242 - 266)
 
   
 
   
 
Ab etwa 1580 liegen auch katholische gedruckte Neujahrspredigten vor. Während sich die meisten dieser Predigten an das überkommene Schema halten, in dem eine bestimmte Reihenfolge der Stände (geistliche Stände, dann die weltliche Obrigkeit, anschließend die Stände des Hauses) vorgegeben ist und das wegen seiner Ähnlichkeit zur lutherischen Haustafel-Reihung auch bei den Lutheranern üblich war, hat  Bartholomäus Wagner hier eine Form der Ständereihung gewählt, die keinem bestimmten Ordnungsschema zu folgen scheint. Außerdem hat er einzelne Personen in die Reihe eingefügt, denen er ebenfalls jeweils ein symbolisches "Geschenk" verehrt.  
 
Ab etwa 1580 liegen auch katholische gedruckte Neujahrspredigten vor. Während sich die meisten dieser Predigten an das überkommene Schema halten, in dem eine bestimmte Reihenfolge der Stände (geistliche Stände, dann die weltliche Obrigkeit, anschließend die Stände des Hauses) vorgegeben ist und das wegen seiner Ähnlichkeit zur lutherischen Haustafel-Reihung auch bei den Lutheranern üblich war, hat  Bartholomäus Wagner hier eine Form der Ständereihung gewählt, die keinem bestimmten Ordnungsschema zu folgen scheint. Außerdem hat er einzelne Personen in die Reihe eingefügt, denen er ebenfalls jeweils ein symbolisches "Geschenk" verehrt.  
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online: [http://www.diss.fu-berlin.de/diss/receive/FUDISS_thesis_000000009241]
 
online: [http://www.diss.fu-berlin.de/diss/receive/FUDISS_thesis_000000009241]
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[[Kategorie: Neujahrsschrift]]
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[[Kategorie: Predigt]]
Anonymer Benutzer