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| Im Hauptteil der Predigt (Bl. A3v – D4v) beschreibt Poach unter der Überschrift: “Von M. Silberschlags Ampt”, wie dieser, in gleicher Weise wie der Prophet Hosea die Sünden seiner Zeit anklagte, die Missstände in Erfurt gegeißelt habe. Er übte sein Strafamt so gut aus, dass viele ihn gern wieder losgeworden wären. Alle Sünden, von denen Hosea spricht, gebe es auch in Erfurt: Mangel an Treue, Liebe und Gottes Wort, dafür ein Übermaß an Gotteslästerung, Lüge, Mord, Diebstahl, Ehebruch und Blutschuld. Ebenso wie Hosea in seiner Zeit ankündigte, gebe es daher göttliche Landstrafen wie Unwetter und Dürre. Deshalb sind die Strafreden der Prediger zur Ermahnung aller Menschen und zur Abwendung schlimmerer Strafen notwendig. Aber die Lästerer verachten die pflichtbewussten Prediger, und am schlimmsten sei es, wenn falsche Propheten sich auch noch auf die Seite der Lästerer schlügen. | | Im Hauptteil der Predigt (Bl. A3v – D4v) beschreibt Poach unter der Überschrift: “Von M. Silberschlags Ampt”, wie dieser, in gleicher Weise wie der Prophet Hosea die Sünden seiner Zeit anklagte, die Missstände in Erfurt gegeißelt habe. Er übte sein Strafamt so gut aus, dass viele ihn gern wieder losgeworden wären. Alle Sünden, von denen Hosea spricht, gebe es auch in Erfurt: Mangel an Treue, Liebe und Gottes Wort, dafür ein Übermaß an Gotteslästerung, Lüge, Mord, Diebstahl, Ehebruch und Blutschuld. Ebenso wie Hosea in seiner Zeit ankündigte, gebe es daher göttliche Landstrafen wie Unwetter und Dürre. Deshalb sind die Strafreden der Prediger zur Ermahnung aller Menschen und zur Abwendung schlimmerer Strafen notwendig. Aber die Lästerer verachten die pflichtbewussten Prediger, und am schlimmsten sei es, wenn falsche Propheten sich auch noch auf die Seite der Lästerer schlügen. |
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− | Unter der Überschrift “Von M. Silberschlags Person” wird kurz das Leben und der Charakter des Verstorbenen beschrieben, und in dem darauf folgenden Teil der Leichenpredigt, in dem Poach von den letzten Tagen Silberschlags spricht, geht er auch ausführlich auf den schwebenden Streit innerhalb des Prediger-Ministeriums ein. Es ging (schon drei Jahre zuvor) dabei um die Frage, ob die lutherischen Professoren an einem Gastmahl teilnehmen sollten, zu dem der kurz zuvor zum Rektor der Universität ernannte Schwager von Silberschlag Johann Gast alle Professoren geladen hatte. Da es dabei aber traditionell auch zu katholischen kirchlichen Zeremonien kam, waren Poach und Silberschlag strikt gegen die Annahme der Einladung. Die Mehrheit des Ministeriums, darunter auch Johann Aurifaber, war dagegen zusammen mit dem Erfurter Rat für eine friedensfördernde Politik in der konfessionell gespaltenen Stadt. | + | Unter der Überschrift “Von M. Silberschlags Person” wird kurz das Leben und der Charakter des Verstorbenen beschrieben, und in dem darauf folgenden Teil der Leichenpredigt, in dem Poach von den letzten Tagen Silberschlags spricht, geht er auch ausführlich auf den schwebenden Streit innerhalb des Prediger-Ministeriums ein. |
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| + | Am Ende fügt er eine weitere, etwas kürzere Predigt hinzu, die er schon drei Jahre zuvor in der gleichen Angelegenheit gehalten hatte. Auch hier geht es um die Definition der “bürgerlichen Gemeinschaft” innerhalb der Stadt und um die Grenzziehungen zum geistlichen Bereich. |
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| + | =='''Historischer Kontext'''== |
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| + | Es ging bei dem Streit innerhalb des Ministeriums schon drei Jahre zuvor um die Frage, ob die lutherischen Professoren an einem Gastmahl teilnehmen sollten, zu dem der kurz zuvor zum Rektor der Universität ernannte Schwager von Silberschlag Johann Gast alle Professoren geladen hatte. Da es dabei aber traditionell auch zu katholischen kirchlichen Zeremonien kam, waren Poach und Silberschlag strikt gegen die Annahme der Einladung. Die Mehrheit des Ministeriums, darunter auch Johann Aurifaber, war dagegen zusammen mit dem Erfurter Rat für eine friedensfördernde Politik in der konfessionell gespaltenen Stadt. |
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| Poach bezieht sich in seiner Predigt u. a. auch auf die im selben Jahr erschienene Schrift von Tilemann Heshusen ''Frage. Ob ein rechtgleubiger Christ mit unchristen als mit Jüden, Türcken, Heiden oder mit offentlichen vberfürten Ketzern, Lesterern vnd Götzendienern ... müge Bürgerliche gemeinschafft haben, mit jnen essen vnd trincken''. Jena 1572, VD16: [http://gateway-bayern.de/VD16+H+3056 H 3056]; Königsberg 1572, VD16: [http://gateway-bayern.de/VD16+ZV+7867 ZV 7867]; Königsberg 1575, VD16: [http://gateway-bayern.de/VD16+H+3057 H 3057]. Er argumentiert, dass Heshusen tatsächlich seine, Poachs, Position bestätige, weil es in dem aktuellen Streit um geistliche Dinge gehe, während seine Gegner Heshusens Schrift fälschlich für ihre Ansichten beanspruchen würden. Er habe vielmehr gar nichts gegen den “bürgerlichen“ Umgang mit katholischen Nachbarn, wie etwa Nachbarschaftshilfe, gemeinsame Verteidigung der Stadt und das Verleihen von Geld gegen Zins, sehr wohl aber gegen den Umgang des Ministeriums mit führenden Katholiken. | | Poach bezieht sich in seiner Predigt u. a. auch auf die im selben Jahr erschienene Schrift von Tilemann Heshusen ''Frage. Ob ein rechtgleubiger Christ mit unchristen als mit Jüden, Türcken, Heiden oder mit offentlichen vberfürten Ketzern, Lesterern vnd Götzendienern ... müge Bürgerliche gemeinschafft haben, mit jnen essen vnd trincken''. Jena 1572, VD16: [http://gateway-bayern.de/VD16+H+3056 H 3056]; Königsberg 1572, VD16: [http://gateway-bayern.de/VD16+ZV+7867 ZV 7867]; Königsberg 1575, VD16: [http://gateway-bayern.de/VD16+H+3057 H 3057]. Er argumentiert, dass Heshusen tatsächlich seine, Poachs, Position bestätige, weil es in dem aktuellen Streit um geistliche Dinge gehe, während seine Gegner Heshusens Schrift fälschlich für ihre Ansichten beanspruchen würden. Er habe vielmehr gar nichts gegen den “bürgerlichen“ Umgang mit katholischen Nachbarn, wie etwa Nachbarschaftshilfe, gemeinsame Verteidigung der Stadt und das Verleihen von Geld gegen Zins, sehr wohl aber gegen den Umgang des Ministeriums mit führenden Katholiken. |
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| Poach sieht in der Leichenpredigt schon voraus, dass er aus seinem Amt vertrieben werden würde, was bald darauf auch geschah. | | Poach sieht in der Leichenpredigt schon voraus, dass er aus seinem Amt vertrieben werden würde, was bald darauf auch geschah. |
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− | Poach fügt am Ende eine weitere Predigt hinzu, die er schon drei Jahre zuvor in der gleichen Angelegenheit gehalten hatte. Auch hier geht es um die Definition der “bürgerlichen Gemeinschaft” innerhalb der Stadt und um die Grenzziehungen zum geistlichen Bereich.
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| Zur Amtsentlassung Poachs vgl. die Rechtfertigungsschrift des Erfurter Rates: ''Gründlicher vnd warhafftiger Bericht, aus was bestendigen vrsachen die beiden Pfarrer enturlaubt worden.'' Erfurt 1572, VD16: [http://gateway-bayern.de/VD16+E+3729 E 3729], digitalisiert in Halle ULB | | Zur Amtsentlassung Poachs vgl. die Rechtfertigungsschrift des Erfurter Rates: ''Gründlicher vnd warhafftiger Bericht, aus was bestendigen vrsachen die beiden Pfarrer enturlaubt worden.'' Erfurt 1572, VD16: [http://gateway-bayern.de/VD16+E+3729 E 3729], digitalisiert in Halle ULB |